#5 – Wer bist du zwischen zwei Gedanken?
Was bleibt, wenn für einen Moment kein Gedanke da ist – und wer ist dann noch übrig?
Du gehst die Straße entlang.
Ein Gedanke kommt:
„Ich muss noch antworten.“
Dann ein anderer:
„Hoffentlich habe ich nichts vergessen.“
Dann wieder einer.
Und noch einer.
Es wirkt wie ein Strom.
Ununterbrochen.
Als gäbe es dich nur in diesem Fluss.
Und doch manchmal stockt etwas.
Ein winziger Moment.
Kaum bemerkbar.
Zwischen zwei Gedanken.
Hast du ihn je wirklich gesehen?
Nicht als Idee.
Nicht als Konzept.
Sondern direkt.
Jetzt.
Was ist in diesem Moment da?
Kein Satz.
Keine Geschichte.
Kein Kommentar.
Und trotzdem bist du nicht weg.
Oder?
Schau genau.
Nicht später.
Nicht theoretisch.
Jetzt.
Wenn ein Gedanke endet – und der nächste noch nicht begonnen hat – was bist du dort?
Ist da jemand?
Oder nur ein stiller Raum?
Vielleicht sagst du:
„Da ist Bewusstsein.“
Aber ist das deine Erfahrung oder ein gelerntes Wort?
Wenn du kein Wort benutzt, was bleibt?
Du kannst es nicht greifen.
Nicht benennen.
Und doch ist es nicht nichts.
Oder ist es genau das, was du immer vermeidest?
Gedanken geben dir Halt.
Sie sagen dir, wer du bist.
Was du willst.
Was fehlt.
Ohne sie – wer bist du dann?
Ist da Unsicherheit?
Leere?
Oder sofort ein neuer Gedanke,
der das Loch füllt?
Achte darauf.
Nicht den Gedanken.
Sondern das, was ihn ersetzt.
Du wartest vielleicht auf etwas Besonderes.
Eine klare Antwort.
Ein Gefühl von Wahrheit.
Aber sieh genauer: Wer wartet?
Ist dieser Wartende nicht schon der nächste Gedanke?
Und wenn auch dieser Gedanke vergeht – was bleibt dann übrig?
Du kannst es nicht festhalten.
Sobald du es benennst, ist es schon wieder vorbei.
Und trotzdem ohne diesen Zwischenraum könnte kein Gedanke erscheinen.
Er ist immer da.
Unbemerkt.
Wie ein stiller Hintergrund, auf dem alles kommt und geht.
Aber gehört dieser Hintergrund dir?
Oder gehört „dir“ selbst zu dem, was kommt und geht?
Du sagst vielleicht: „Ich denke.“
Aber erscheint der Gedanke wirklich auf dein Kommando?
Oder taucht er einfach auf und du beanspruchst ihn danach?
Und zwischen zwei Gedanken – gibt es dort jemanden, der etwas beansprucht?
Oder nur Stille, ohne Besitzer?
Vielleicht wirkt diese Frage unklar.
Vielleicht suchst du nach einem festen Punkt.
Etwas, das du erkennen kannst.
Aber sieh:
Alles, was du erkennen kannst, ist bereits ein Gedanke.
Oder etwas, das benannt wird.
Was also bleibt, wenn nichts benannt wird?
Nicht als Antwort.
Sondern als direkte Erfahrung.
Jetzt.
Ein Gedanke endet.
...
Und bevor der nächste beginnt, was fehlt dir in diesem Moment?
Fehlt dir etwas?
Oder entsteht erst mit dem nächsten Gedanken
das Gefühl, dass etwas fehlt?
Und wer ist dieser,
der sagt: „Mir fehlt etwas“?
Kannst du ihn finden
ohne einen Gedanken darüber?
Oder ist auch er
nur ein weiterer Gedanke?
Wenn das so ist, was bleibt übrig, wenn kein Gedanke da ist, der sagt „Ich“?
Ist dort überhaupt ein Problem?
Ein Ziel?
Ein Mangel?
Oder entsteht all das erst mit dem nächsten Gedanken?
Bleib einen Moment hier.
Nicht als Übung.
Sondern als Frage, die sich nicht beantworten lässt.
Nicht, weil sie schwer ist—sondern weil jede Antwort wieder ein Gedanke wäre.
Und du schaust gerade zwischen zwei Gedanken.
Was bist du dort?
Wer bist du – jetzt?
— Afschin



Da ist dieses Hintergrundrauschen, sagt die Physikerin. Also bin ich.
Aber wer bin ich, wenn ich das nicht hinterfragen kann, denkt die Philosophin.
Lerne aus deinen unbewussten Handlungen, aus deinen nicht willentlich gesteuerten Reaktionen, lerne, wer du vor einem Augenblick gerade warst, schlägt die Praktikerin vor.
Alles unterliegt einer Veränderung: der Raum, die Zeit. Also auch ich.
Dann kann ich mich nur annähern. Mir selbst.
Es bleibt eine permanente Suche, ein stetiges Finden, kein Ende in Sicht . . .